Symposium 2025

Medizinerin/Mediziner - Beruf, Berufung, oder Unternehmer?

Am 6. März 2025 fand in Luzern das vom Verein "Schweizer Medizin Eid" organisierte Symposium zum Thema "Medizinerin/Mediziner - Beruf, Berufung oder Unternehmer?" statt.

Dem genannten Dreiklang sind Ärztinnen und Ärzte sowie Fachpersonen im Gesundheitswesen unweigerlich ausgesetzt. Zunehmend wird die Patientenbehandlung unter dem ökonomischen Druck ethisch schwieriger. Die Finanzierungsfrage des Gesundheitssystems löste unzählige Diskussionen, Massnahmen und politische Eingriffe aus - ein Wertediskurs auf dem Boden eines ärztlichen Berufsethos findet hingegen kaum statt.

Das Symposium erlaubte, mit Expertinnen und Experten ein umfassendes Verständnis über den aktuellen Befund unseres Gesundheitssystems zu erlangen, um Lösungsansätze zu finden, die im Einklang mit einer ethisch vertretbaren Medizin stehen.

Eine Übersicht des Symposiums mit den Kernbotschaften der einzelnen Vorträge finden Sie auf dieser Seite.

Beiträge

13:00

Begrüssung zum Symposium
Prof. em. Dr. med. Bernhard Egger

Die Rolle der Medizinerin/des Mediziners in der Gesellschaft – eine Führungsfunktion?
Prof. Dr. med. Christoph Gubler

  • Prof. Gubler stellte in seinem Beitrag verschiedene Rollen dar, die Ärztinnen und Ärzte im modernen Gesundheitssystem einnehmen und verwies auf die Konzepte von CANMEDS sowie Tätigkeiten der Akademie Menschenmedizin (https://www.menschenmedizin.ch). Besonders betonte er die Führungsfunktion, die weniger durch formale Autorität als vielmehr durch eine gelebte Vorbildfunktion wahrgenommen werden sollte.

    Er wies auf eine zunehmende Kluft zwischen ethischen Grundsätzen und ökonomischen Interessen hin. Während sich das Konsumverhalten vieler Patientinnen und Patienten kaum beeinflussen lasse, zeige sich auch auf professioneller Seite ein Mangel an sozialer Kontrolle: So gebe es immer wieder Kolleginnen und Kollegen, die sich nicht an eine zurückhaltende und verantwortungsvolle Indikationsstellung halten, was regional zu einem Überangebot an medizinischen Leistungen führe.

    Als Lösungsansätze plädierte Prof. Gubler für die Schaffung von vier bis fünf Gesundheitsregionen in der Schweiz, eine konsequente Trennung zwischen medizinisch indizierten Leistungen und Lifestyle-Angeboten, sowie die Einführung eines elektronischen Patientendossiers. Darüber hinaus betonte er die Chancen, die in neuen technologischen Möglichkeiten wie der Künstlichen Intelligenz liegen. Zentral sei es, die Vorbild- und Führungsrolle von Ärztinnen und Ärzten deutlicher zu schärfen und aktiv zu leben

Warum ich das Medizinstudium gewählt habe – Meine Berufswahl eine Berufung?
Dipl. med. Audrey Kovatsch und Dr. med. Orlando Hürlimann

  • Dipl. med. Kovatsch und Dr. med. Hürlimann thematisierten die unterschiedlichen Beweggründe, die junge Menschen zur Wahl des Medizinstudiums motivieren. Diese anfänglichen Ideale stünden jedoch oftmals in starkem Kontrast zur beruflichen Realität, was sich unter anderem in der alarmierend hohen Rate an Berufsaufgabe widerspiegle. Hervorgehoben wurde der zunehmende Kostendruck im Gesundheitswesen, der von vielen Ärztinnen und Ärzten in Ausbildung als erheblicher Störfaktor wahrgenommen wird. Trotz dieser Herausforderungen äusserten sie den Wunsch, die Nähe zu den Patientinnen und Patienten nicht zu verlieren.

Leadership im Gesundheitswesen – eine Managementfunktion?
Herr Kristian Schneider

  • Herr Schneider sprach in seinem Beitrag über das Spannungsfeld zwischen Leadership und Management im Gesundheitswesen. Insbesondere wies er darauf hin, dass Spitäler – im Sinne einer politischen Vorgabe – zunehmend angehalten seien, sich selbst zu führen und zu managen. In der Praxis führe dies häufig dazu, dass das Management mit dem Ziel beauftragt werde, die Fallzahlen zu steigern, was zu einem fragwürdigen ökonomischen Druck auf medizinische Entscheidungen führen könne.

    Aus Sicht von H+ – der Dachorganisation der Schweizer Spitäler – sei die derzeitige Überregulierung eine direkte Reaktion der Politik auf das, was sie im Gesundheitswesen beobachte. Es bestehe unter den verschiedenen Akteuren ein grundlegendes Vertrauensdefizit: „Null Vertrauen“ herrsche zwischen den Stakeholdern, so Schneider. In der Folge werde Vertrauen durch Regulierung ersetzt. Um dem entgegenzuwirken, forderte er den gezielten Aufbau von Vertrauen, mehr Transparenz in Budgetverhandlungen sowie Unterstützung auch bei Zielen, die sich nicht unmittelbar messen lassen.

    Besonders bemerkenswert war seine kritische Feststellung, dass die Qualität der medizinischen Indikationsstellung in vielen Fällen nicht mehr stimme – eine Aussage, die zum Nachdenken über die gegenwärtige Ausrichtung der Gesundheitsversorgung anregt.

Mit der Indikation zur Rentabilität ? - Ethische Dilemmata im Spital-Alltag.
Dr. sc. med. Dipl.-Kfm. (Univ.) Thomas Kapitza

  • Dr. sc. med. Dipl.-Kfm. (Univ.) Kapitza widmete seinen Vortrag der aktuellen Spitalkrise in der Schweiz, die er ausdrücklich nicht als Qualitäts-, sondern als Finanzierungskrise bezeichnete. Er erläuterte, wie ökonomisches Framing die Diskussion um medizinische Leistungen zunehmend prägt, und stellte dabei die Unterscheidung zwischen der medizinischen und der ärztlichen Indikation in den Mittelpunkt. Während die medizinische Indikation sich auf fachlich begründbare Behandlungen beziehe, hat die ärztliche Indikation im Spitalalltag auch eine unmittelbare betriebswirtschaftliche Relevanz

    Kapitza zeigte auf, dass sich ein gefährlicher Trend abzeichnet: Die ärztliche Indikation – in ihrer Komplexität und individuellen Abwägung schwer kalkulierbar – drohe zunehmend von einer steuerbaren und betriebswirtschaftlich besser handhabbaren medizinischen Indikation verdrängt zu werden. Damit gerate das ärztliche Urteil unter Druck, sich ökonomischen Anforderungen unterzuordnen.

    Eindrücklich war seine Darstellung des Phänomens des sogenannten „moral distress“ unter ärztlichen Führungspersonen. Diese emotionale Belastung entsteht, wenn medizinisch ethisch gebotene Entscheidungen mit wirtschaftlichen Vorgaben kollidieren. Dr. Kapitza warnte vor den langfristigen Folgen, insbesondere für die nachrückende Generation von Ärztinnen und Ärzten, die dadurch in ihrer beruflichen Identifikation verunsichert werden könnten.

    Abschließend skizzierte er mögliche Lösungsräume, die sowohl ökonomische als auch medizinethische Perspektiven einbezogen. Im Zentrum stand dabei eine versorgungsethische Prioritätensetzung: Die ärztliche Indikation müsse Vorrang vor ökonomischen Zielen wie Spitalrenditen haben. Gleichzeitig verwies er auf normative Aspekte der Versorgungsqualität – etwa in Form von Zertifizierungen –, die auch als unternehmerische Chance verstanden werden können.

Aerztliche Haltung im Spannungsfeld zur Gewinnoptimierung – zwischen medizinischer Notwendigkeit und wirtschaftlichem Druck
Prof. Dr. med. Giovanni Maio, M.A. phil.

  • Prof. Maio stellte in seinem Vortrag dar, wie sehr Begrifflichkeiten unser Denken und Handeln prägen – etwa wenn das Spital als «Unternehmen» bezeichnet wird. Diese sprachliche Verschiebung sei Ausdruck einer tiefergehenden Werteverschiebung: Die ursprüngliche Zweck-Mittel-Relation zwischen Medizin und Ökonomie sei ins Gegenteil verkehrt worden. Medizin diene zunehmend der Wirtschaft, statt dass wirtschaftliche Mittel der medizinischen Versorgung dienen.

    Diese Umkehr sieht Maio als eine zentrale Ursache für Fehlversorgungen. Anstelle der individuellen Zuwendung zum Patienten trete häufig die Maximierung von Interventionen bei gleichzeitiger Minimierung von zwischenmenschlicher Interaktion – auch, weil Letzteres kaum vergütet werde. Ärztinnen und Ärzte seien sich oft nicht bewusst, dass sie durch dieses System schleichend korrumpiert würden. Mit der Einführung von DRG-Systemen habe jede Diagnose ein «Preisschild» erhalten, was die medizinische Entscheidung in ein ökonomisches Kalkül überführe.

    Besonders kritisch beleuchtete er die «Negativierung der Zeit»: Zeit, die für eine beziehungsorientierte Medizin notwendig wäre, erscheine finanziell nicht lohnend. Dies führe zur schleichenden Delegitimierung all dessen, was sich nicht quantifizieren lässt – ein Zustand, der gefährliche Fehlanreize schafft.

    Prof. Maio betonte, dass Ökonomie wieder zur Dienerin der Medizin werden müsse. Spitäler sollten nicht als gewinnorientierte Betriebe, sondern als Orte öffentlicher Daseinsvorsorge verstanden werden. Abschließend appellierte er eindringlich an die Ärzteschaft, Rückgrat zu zeigen und sich – im Sinne ihrer Patientinnen und Patienten – aktiv für eine Medizin einzusetzen, die ethischen Prinzipien verpflichtet bleibt.

Podiumsrunde
Dr. phil. I Nicole Frank sowie die ReferentInnen des ersten Teils

14:30

Apéro und Möglichkeit zum Austausch mit den ReferentInnen

15:10

Gesundheitsversorgung – Nur dem Staat überlassen?
Prof. hon. Henri Bounameaux

  • Prof. hon. Bounameaux beantwortete die Frage, ob die Gesundheitsversorgung allein dem Staat überlassen werden solle mit "Nein". Er plädierte, die Diskussion nicht auf das Gegensatzpaar «Staat versus Privat» zu reduzieren, sondern verortete die eigentlichen Herausforderungen im Spannungsfeld von Effizienz und Kosten.

    Im Zentrum seines Beitrags stand die Analyse gesundheitspolitischer und struktureller Ursachen für die Ineffizienz des Schweizer Gesundheitswesens. Dabei zeigte er auf, dass nicht in erster Linie der Träger – ob staatlich oder privat – entscheidend sei, sondern wie sinnvoll Ressourcen eingesetzt und Strukturen gestaltet werden.

    Vor diesem Hintergrund verwies er auf den Vorschlag der Schweizerischen Akademie der Medizinischen Wissenschaften (SAMW), einen Verfassungsartikel und darauf aufbauend ein Bundesgesetz über die Gesundheit einzuführen. Damit sprach er sich letztlich für eine stärkere nationale Regulierung aus – was auf den ersten Blick der eingangs formulierten Kurzantwort widerspricht, im Kern jedoch den Bedarf nach klareren Rahmenbedingungen und einer besseren Koordination im Gesundheitswesen unterstreicht.

Ist das System noch zu retten? – Indikation versus Kostenzwang
Dr. med. Christoph Bosshard

  • Dr. Bosshard beschäftigte sich in seinem Vortrag mit dem Spannungsfeld zwischen ärztlicher Indikationsstellung und ökonomischem Kostendruck. Er betonte, dass die Festlegung der medizinischen beziehungsweise ärztlichen Indikation die eigentliche Kernaufgabe der Ärztinnen und Ärzte sei. Dabei müsse die medizinische Entscheidungsfindung stets unabhängig von finanziellen Zwängen erfolgen.

    Als Lösungsansätze nannte Dr. Bosshard neben der Einführung sachgerechter Tarife auch die konsequente Umsetzung grundlegender Prinzipien wie Nachhaltigkeit, fachliche Kompetenz und einen verantwortungsvollen Umgang mit Ressourcen. Er machte deutlich, dass die Indikationsstellung nicht dem Kostendruck unterworfen werden dürfe, um eine qualitativ hochwertige und ethisch vertretbare medizinische Versorgung sicherzustellen.

Spitalplanung im Spannungsfeld von Qualität und Profit («Staat oder Markt») – eine Gewissensfrage
Prof. Dr. med. Christoph A. Meier

  • Prof. Meier betonte in seinem Vortrag, dass Fragen der Gesundheitsversorgung weniger als Gewissensfragen, sondern vielmehr als Optimierungsaufgaben zu verstehen seien. Er sprach sich klar für die Anwendung ökonomischer Prinzipien zur Optimierung der Gesundheitsversorgung aus – allerdings mit dem wichtigen Hinweis, dabei nicht ökonomische Fragestellungen in ethische zu überführen.

    Auch die Spitalplanung, so Meier, solle nicht primär unter moralischen oder politischen Gesichtspunkten geführt werden, sondern als Frage der Qualität verstanden werden. Hier plädierte er insbesondere für die konsequente Messung von Behandlungsergebnissen (Outcomes) und den Mut, diese transparent zu machen – als Grundlage für gezielte Verbesserungen.

    Als zukunftsweisendes Modell stellte Prof. Meier das Konzept der «Integrated Capitated Care» vor. Dieses basiert auf dem Prinzip, Zeit statt Eingriffe zu vergüten («pay for time, not procedures») und gleichzeitig die Versorgungsqualität über messbare Ergebnisse zu evaluieren. Dieses Modell könne sowohl den Patientenbedürfnissen als auch ökonomischen Anforderungen besser gerecht werden als das derzeitige, weitgehend leistungsorientierte System.

Schweizer Medizin Eid – Individualansatz aus der Krise!
Prof. em. Dr. med. Bernhard Egger

  • Prof. Egger wies in seinem Vortrag auf ein paradoxes Phänomen im Gesundheitswesen hin: Trotz der Möglichkeit, Gewinne zu erzielen, bestehe ein anhaltendes Interesse an steigenden Patientenzahlen. Dabei seien wesentliche Kostentreiber sowohl administrativ gesteuerte als auch eigenmotivierte Ausweitungen von Indikationen. Letztere betrachtete er als Kernursache des realen Konflikts zwischen Profitstreben und ärztlichem Ethos.

    Er betonte die Bedeutung des Schweizer Medizin-Eids, der mit konkreten Elementen ergänzend zum Hippokratischen Eid der zunehmenden Ökonomisierung der Medizin entgegenwirken soll. Dieser Eid solle als eine Art „Verfassung“ für die ärztliche Tätigkeit verstanden werden. Zudem solle durch die wachsende Mitgliederzahl die Einflussmöglichkeit auf gesundheitspolitische Entwicklungen gestärkt werden.

    Abschließend appellierte Prof. Egger an die Ärzteschaft zu einem grundsätzlichen Umdenken. Er plädierte dafür, dass Gesundheitsinstitutionen als Non-Profit-Organisationen geführt werden sollten, um dem eigentlichen Auftrag der medizinischen Versorgung gerecht zu werden.

Podiumsdiskussion
Frau Dr. phil. I Nicole Frank sowie die ReferentInnen des zweiten Teils

Würdigung/Zusammenfassung des Symposiums
Dipl. med. Namir Lababidi

17:00

Ende des Symposiums

 

ReferentInnen

Herr Kristian Schneider, CEO Spitalzentrum Biel AG/ Centre Hospitalier de Bienne, Vizepräsident Spitalverband H+

Dr. med. Christoph Bosshard, Facharzt für Orthopädische Chirurgie und Traumatologie des Bewegungsapparates, Vize-Präsident der FMH

Prof. Dr. med. Christoph Gubler, Chefarzt Gastroenterologie und Hepatologie Stadtspital Zürich Triemli, Vorstandsmitglied Akademie Menschenmedizin AMM;

Dr. sc. med. Dipl.-Kfm. (Univ.) Thomas Kapitza, Wirtschaftsmediator (SKWM/ASA, IHK), Medicine & Economics Ethics Lab IBME, Institut für Biomedizinische Ethik und Medizingeschichte, Universität Zürich

Prof. hon. Henri Bounameaux, ehem. Präsident der Schweizerischen Akademie der Medizinischen Wissenschaften SAMW, Honorarprofessor und ehem. Dekan der medizinischen Fakultät der Universität Genf

Prof. Dr. med. Christoph A. Meier, Universität Genf, Klinikdirektor der Klinik und Poliklinik für Innere Medizin Universitätsspitals Zürich

Prof. Dr. med. Giovanni Maio, M.A. phil., Lehrstuhl für Medizinethik Freiburg, Institut für Ethik und Geschichte der Medizin

Dr. phil. I Nicole Frank, Promovierte Germanistin und Kommunikationswissenschafterin
Moderation

Prof. em. Dr. med. Bernhard Egger, Ordentlicher Professor em. für Chirurgie Universität Freiburg, Präsident Verein Schweizer Medizin Eid

Dipl. med. Audrey Kovatsch, Assistenzärztin Innere Medizin Spital Grabs, Vorstandsmitglied Verein Schweizer Medizin Eid

Dipl. med. Namir Lababidi, Facharzt Psychiatrie und Psychotherapie FMH, Ärztlicher Leiter Klinik Schützen, Ambulatorium Aarau, Vize-Präsident Verein Schweizer Medizin Eid

Dr. med. Orlando Hürlimann, Assistenzarzt Innere Medizin Spital Grabs, Vorstandsmitglied Verein Schweizer Medizin Eid

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